Systemische Risiken - Eine unsichtbare Chance und Ressource

Gastbeitrag von

Dr. Christoph Müller

 

Seit 2017 Mitglied im Advisory Board, Österreichisches Zentrum für Nachhaltigkeit und ehem. Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt

und Attaché an der Ständigen Vertretung

Österreichs bei der EU in Brüssel



Befragt zum schleppenden Fortschritt des globalen Klimaschutzes meint Joachim Wenning, Vorstandsvorsitzender des größten Rückversicherers Munich Re: „Mit fortschreitendem Klimawandel werden deutlich mehr Menschen als heute auf der Flucht sein, weil ihre Heimat nicht mehr bewohnbar sein wird. Für die damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen und Risiken gibt es keine Versicherungslösung.“

 

Anfang August teilte der Finanzkonzern mit, dass er künftig weder in Aktien noch in Anleihen von Unternehmen investieren werde, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erzielen. Ein bemerkenswerter Schritt. Die alljährlich im Jänner erscheinenden Global Risks Reports des World Economic Forum zeigen: Migration, soziale Ungleichheit, wirtschaftliche Probleme, Widerstand gegen Klimaschutzmaßnahmen und fundamentalistische Strömungen sind keine isoliert zu sehenden Herausforderungen sondern sind aufs Engste miteinander verwoben. Der diesjährige Bericht stellt der Menschheit ein gutes Zeugnis im Fach „Management konventioneller Risiken“, jedoch ein schlechtes in Sachen Erfassung und Bewältigung systemischer Risiken aus. Wie kommt ein Risiko zum Prädikat systemisch?

 

Systemische Risiken wirken global oder zumindest überregional und sind nicht durch lineare Ursache- und Wirkungsketten beschreibbar. Das bedeutet unter anderem, dass man eine oder mehrere schädliche Aktivitäten und Strukturen lange Zeit aufrechterhalten kann, ohne dass es zu nennenswerten Auswirkungen kommt. Sobald aber ein bestimmter Punkt überschritten ist, treten die negativen Folgen – wie etwa im Fall der Finanzkrise 2008 – mit großer Wucht ein und lässt sich oft auch nicht mehr korrigieren. Der berühmte Evolutionsbiologe und Geograph Jared Diamond nennt fünf Faktoren, zu bedrohlichen Risiken und Zusammenbrüchen führen: schädliche Eingriffe in die Umwelt, Klimaveränderungen, feindliche Nachbarn, Güteraustausch im Handel mit anderen und Reaktionen der Gesellschaft auf diese Veränderungen.

 

Ein zentrales Kennzeichen systemischer Risiken ist ihre 

Unterschätzung durch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Viele sind identifiziert, analysiert und bewertet. Einige davon wie etwa der Klimawandel oder der Verlust der Biodiversität stehen im Mittelpunkt zahlreicher wissenschaftlicher und politischer Aktivitäten. Auch weite Teile der Bevölkerung kennen diese Risiken, allerdings zeigt die Praxis, dass die bisherige Bilanz der bisherigen Maßnahmen mager ausfällt.

 

Das unterhaltsam-satirischen Büchlein „The Collapse of Western Civilization – A View from the Future“ entführt und in das Jahr 2393. Anlass ist der drei hundertste Jahrestag des Endes der westlichen Kultur. Die Kernfrage lautet, warum die Menschen des 21. Jahrhunderts nicht entsprechend ihrem Wissen über den Klimawandel gehandelt haben. Der in der Zweiten Volksrepublik China lebende Historiker schildert das Zeitalter des Halbschattens (1988–2093), an dessen Ende der Große Kollaps samt weltweiter Massenmigration stand. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Länder durch Verleugnung, Selbsttäuschung und Fixierung auf die sogenannten freien Märkte handlungsunfähig waren.

 

Komplexität als Chance und Ressource

Muss es soweit kommen? Sowohl die UN-Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung als auch das Pariser UN-Klimaabkommen – beide wurden 2015 beschlossen – befassen sich mit langfristigen, komplexen und miteinander verzahnten Problemen und Themen. Maßnahmen zu Armutsbekämpfung, wirtschaftlicher Entwicklung und Eindämmung des Klimawandels sollen kohärent werden. Nutzen wir diese Chance und gestalten gemeinsam die Zukunft.

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